Albanien im Mittelalter: von Arbëria bis zu den Fürstentümern
Tausend Jahre zwischen Byzanz, Anjou und Serben: Um 1190 gründeten die Arbër das Fürstentum Arbanon, im 14. Jahrhundert folgten mächtige Fürstenhäuser.

Inhalt8 Abschnitte
- Albanien im frühen Mittelalter: von Illyrien zu Arbëria
- Die Komani-Kultur und die Frage der Kontinuität
- Zwischen Ost und West im 11. und 12. Jahrhundert
- Das Fürstentum Arbër als erster albanischer Staat
- Das Königreich Albanien und die serbische Eroberung
- Die albanischen Fürstentümer des 14. Jahrhunderts
- Stadt und Land
- Glaube, Kunst und die ersten Bücher auf Albanisch
- Die wichtigsten Zeugnisse
- Häufige Fragen
Das albanische Mittelalter umfasst tausend Jahre: von untergehender Antike bis zur Ankunft der Osmanen. Die albanischen Gebiete gehörten zu Byzanz, nacheinander eroberten sie Bulgaren, Normannen, Anjou und Serben. Die Albaner selbst, die Arbër (mittelalterliche Albaner), gründeten um 1190 ihr erstes eigenes Fürstentum und im 14. Jahrhundert mehrere starke Fürstentümer.
Dies ist das zweite Kapitel unseres Leitfadens zur Geschichte Albaniens. Es reicht von der Teilung des Römischen Reiches bis zur Schlacht von Savra und zu den ersten Büchern in albanischer Sprache.
Albanien im frühen Mittelalter: von Illyrien zu Arbëria
Nach der Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395 fielen die albanischen Gebiete an das Oströmische Reich, also an Byzanz. Bis ins 6. Jahrhundert nennen die Quellen ihre Bewohner Illyrer, ab dem 11. Jahrhundert heißen die Menschen Südillyriens Arbër und ihr Land Arbëria (Land der Arbër).
Im späten Römischen Reich gehörten diese Gebiete zur Präfektur Illyricum, die hier vier Provinzen umfasste:
| Provinz | Lage |
|---|---|
| Praevalitana | Norden, bis zum Fluss Shkumbin |
| Dardania | Heutiges Kosovo und angrenzende Gebiete |
| Epirus nova | Zwischen Shkumbin und Vjosa |
| Epirus vetus | Von der Vjosa bis zum Ambrakischen Golf |
Ruhig war diese Zeit nicht. Goten und Hunnen plünderten das Land, brannten Dörfer nieder und zerstörten Städte. Im 6. und 7. Jahrhundert ließen sich mit Erlaubnis der byzantinischen Kaiser Slawen auf dem Balkan nieder. Südillyrien widerstand der Assimilation, und dafür gab es mehrere Gründe:
Die Region war wirtschaftlich weiter entwickelt.
Die Bevölkerung hielt enger zusammen.
Das Gelände war gebirgig.
Die Küste war gut befestigt.
Wo Slawen dennoch vordrangen, gingen sie mit der Zeit in der einheimischen Bevölkerung auf.
Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert stellte Byzanz auf die Themenordnung um. An der Spitze jedes Themas stand ein Strategos, der die militärische und die zivile Gewalt in seiner Hand vereinte. Eines dieser Themen war Dyrrachion, das heutige Durrës.
Die Komani-Kultur und die Frage der Kontinuität
Das wichtigste archäologische Zeugnis dieser Zeit ist die Komani-Kruja-Kultur, die überwiegend ins 7. bis 9. Jahrhundert datiert wird. Funde stammen aus Komani (Hügel Dalmaca), Kruja und Lezha. Albanische Historiker sehen darin einen Beleg dafür, dass die Arbër direkte Nachfahren der Illyrer sind.
Das Lehrbuch teilt die Argumente für diese Kontinuität in drei Gruppen:
Archäologische Argumente, zum Beispiel mittelalterliche Festungsmauern auf antiken Fundamenten.
Sprachliche Argumente: Personennamen sowie die Namen von Städten, Bergen und Flüssen.
Ethnografische Argumente: Elemente der illyrischen Kleidung.
Erste Erwähnung der Albaner. Der byzantinische Historiker Michael Attaleiates berichtet von den Arvaniten im Zusammenhang mit dem Aufstand von 1078–1079 im Thema Dyrrachion. Damit erscheinen die Albaner zum ersten Mal in der byzantinischen Geschichtsschreibung als eigenes Volk.
Zwischen Ost und West im 11. und 12. Jahrhundert
Im 11. und 12. Jahrhundert lagen die albanischen Gebiete an einer Bruchlinie, um die Byzanz, Bulgarien, die Normannen aus Süditalien und Venedig kämpften. Das Große Schisma von 1054 spaltete auch Arbëria selbst: Der Norden wurde katholisch, der Süden blieb orthodox.
Die bulgarische Herrschaft über einen Teil der Gebiete der Arbër begann Mitte des 9. Jahrhunderts. Sie endete 1018, als der byzantinische Kaiser Basileios II. Bulgarien unterwarf. Im selben Jahr ergab sich Berat kampflos den Byzantinern.
Dann kamen die Normannen. 1081 eroberten die Truppen Robert Guiskards und seines Sohnes Bohemund Vlora, Kanina, Orikum, Byllis, Butrint und Korfu und belagerten Durrës. Einige Jahre später zog Guiskard ab, doch die Normannen kamen wieder: 1107 fiel Bohemund erneut ein, und 1185 landete abermals ein normannischer König an der Küste, der sich noch im selben Jahr nach Italien zurückzog. Über den Normanneneinfall von 1081 schreibt auch Anna Komnene in der „Alexias“ und erwähnt dabei Arbanon.
Das Fürstentum Arbër als erster albanischer Staat
Um 1190 gründete der Archont Progon das Fürstentum Arbër (Arbanon) mit Kruja als Zentrum. Es gilt als erster albanischer Staat des Mittelalters. Bereits 1166 nennen die Quellen erstmals einen hochrangigen einheimischen Herrscher in Arbër – der erste Schritt auf dem Weg zum Fürstentum.
Auf Progon folgten seine Söhne Gjin (1198–1208) und Dhimitër (1208–1216). Unter Dhimitër erreichte das Fürstentum den Höhepunkt seiner Macht. 1209 schloss er einen Vertrag mit der Republik Ragusa (Dubrovnik), und in denselben Jahren suchte er die Nähe zu Papst Innozenz III.
Bedroht wurde Arbër von drei Seiten:
vom serbischen Königreich Raszien,
vom venezianischen Besitz in Durrës,
vom Despotat Epirus.
Nach Dhimitër ging die Herrschaft an Grigor Kamona über, danach an Golem. 1256–1257 gliederte das Kaiserreich Nikaia Arbër ein.
Das Despotat Epirus. Nach dem Vierten Kreuzzug 1204 zerfiel Byzanz vorübergehend, und Venedig nahm Durrës ein. 1205 gründete Michael I. Komnenos Dukas im Süden das Despotat Epirus mit der Hauptstadt Arta, das zu einem der stärksten Nachbarn Arbërias wurde. 1230 schlugen die Bulgaren jedoch seinen Herrscher Theodor Komnenos Dukas bei Klokotniza, und das Despotat büßte an Macht ein.
Das Königreich Albanien und die serbische Eroberung
Am 21. Februar 1272 wurde Karl I. von Anjou zum König von Albanien (Regnum Albaniae) ausgerufen. Grundlage war ein Vertrag mit dem albanischen Adel und den Bürgern von Durrës, das zur Hauptstadt wurde. An der Küste hielten sich die Anjou fast hundert Jahre.
Im Norden wurde unterdessen Serbien stärker. König Stefan Dušan nutzte einen Bürgerkrieg in Byzanz aus: 1343–1345 eroberte er den größten Teil der Gebiete der Arbër, 1348 stieß er bis nach Thessalien vor.
Für die Arbër war die serbische Herrschaft hart:
Einheimische Anführer wurden verhaftet und enteignet.
Ihr Besitz ging an serbische Feudalherren.
Menschen wurden gewaltsam zur serbischen Orthodoxie bekehrt.
Slawische Namen verbreiteten sich.
Nach Dušans Tod 1355 zerfiel sein Reich rasch, und in den albanischen Gebieten stiegen einheimische Geschlechter auf.
Die albanischen Fürstentümer des 14. Jahrhunderts
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts teilten einige wenige Fürstengeschlechter fast alle albanischen Gebiete unter sich auf. Am mächtigsten waren die Thopia in Durrës, die Balsha in Shkodra und die Muzaka in Berat. Die Fürstentümer hatten eigene Verwaltungsorgane, Symbole, Siegel und Münzen.
Thopia. Das Fürstentum Durrës gründete Tanush Thopia. Seine Blütezeit erlebte es unter Karl Thopia, der den Anjou 1368 Durrës abnahm.
Balsha. Die Balsha herrschten über Zeta und die Küste, ihr Verwaltungszentrum war Shkodra (etwa 1362–1421). Regiert wurde das Fürstentum von Balsha I. und seinen drei Söhnen Stracimir, Gjergj I. und Balsha II. Jeder verwaltete ein eigenes Gebiet, nach außen traten sie aber geschlossen auf. Durch Heiraten gelangten Berat und Vlora an die Balsha. Ihre Einnahmen stammten aus dem Zehnten, aus Zöllen, aus dem Salzhandel und aus Grundbesitz.
Muzaka. Die Muzaka herrschten über Berat und die Myzeqe. Gegründet hatte das Fürstentum Andrea II. Muzaka, seine größte Ausdehnung erreichte es unter Teodor II. 1335 wurde der Besitz zum Despotat und bestand bis zur osmanischen Eroberung 1417.
Warum hielten die Fürstentümer nicht stand? Das Lehrbuch nennt drei Gründe: mächtige Nachbarn, innere Fehden und die Aufteilung der Besitzungen unter den Erben.
Die Schlacht von Savra. Am 18. September 1385 besiegten die Osmanen bei Lushnja Balsha II., der in der Schlacht fiel. Karl Thopia hatte sie zu Hilfe gerufen. Danach wurden die meisten einheimischen Herren Vasallen des Sultans. Die Dynastie Balsha erlosch 1421, als Balsha III. kinderlos starb.
Stadt und Land
Die mittelalterlichen Städte der Arbër bildeten zusammen mit ihrem Umland Kommunen, die sich selbst verwalteten, mit eigenen Statuten, eigenem Siegel und eigener Münze. Ein Adelsrat leitete die Stadt und wählte ihr Oberhaupt, den Konte (Graf).
Die Bevölkerung teilte sich in Adel und einfache Bürger, die Popolani. Die Handwerker schlossen sich in Zünften zusammen. Das mittelalterliche Shkodra war weit über Arbëria hinaus für seine Schwerter, seine Glockengießerei und seine Gold- und Silberarbeiten bekannt.
Auf dem Land unterschied man drei Arten von Boden: die Bashtina, das Gemeindeland und das Kirchenland. Für den Kriegsdienst wurden Stratiotika und Pronoia vergeben. Abhängige Bauern hießen Paröken.
Glaube, Kunst und die ersten Bücher auf Albanisch
Laut Lehrbuch nahmen die Illyrer im 4. Jahrhundert das Christentum an, Glaubenszentren wurden Shkodra, Durrës und Nikopolis. Das mittelalterliche Arbëria hinterließ Kirchen im byzantinischen, romanischen und gotischen Stil, Mosaiken, Ikonen auf Holz, meisterhafte Stickereien und die ältesten Zeugnisse albanischer Schriftlichkeit.

Die kirchliche Kunst stand stark unter dem Einfluss Konstantinopels und Roms. Wand- und Bodenmosaiken führten die antike Tradition fort. Bei den Festungen gab es sowohl runde als auch viereckige Anlagen. Schulen waren an die Kirchen angeschlossen, und die Literatur war überwiegend religiös: Kodizes und Heiligenviten.
Die wichtigsten Zeugnisse
Kodizes von Berat. Der erste (Beratinus 1) ist ein griechisches Evangeliar aus dem 6. Jahrhundert, mit Silbertinte auf purpurnes Pergament geschrieben. Der zweite (Beratinus 2) stammt aus dem 9. Jahrhundert, hier schrieb man mit Goldtinte, ebenfalls auf purpurnem Pergament. 2005 wurden die Kodizes in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen.
Epitaph von Glavenica. Diese meisterhafte mittelalterliche Stickerei entstand 1373 im Auftrag von Gjergj Arianiti.
Taufformel vom 8. November 1462. Sie ist das älteste bekannte schriftliche Dokument in albanischer Sprache. Verfasst hat sie der Erzbischof von Durrës, Pal Engjëlli.
Gjon Buzukus Meshari (Messbuch) von 1555. Das erste gedruckte Buch auf Albanisch ist im gegischen Dialekt geschrieben. Es verwendet lateinische Buchstaben, ergänzt um einige Zeichen aus dem kyrillischen und dem griechischen Alphabet.
Dass die Albaner schon lange vor diesen Zeugnissen in lateinischer Schrift schrieben, verrät eine Notiz von 1332: Der Dominikanermönch Guillaume Adam (Brocardus) hielt fest, dass sie in ihren Büchern lateinische Buchstaben verwenden. Wie aus den verschiedenen Schriftsystemen 1908 das heutige Alphabet hervorging, erklären wir im Abschnitt über das albanische Alphabet.
Weiter geht es mit Skanderbeg und dem osmanischen Albanien. Zurück zu den Illyrern und dem antiken Albanien.
Häufige Fragen
Welcher Staat gilt als erster albanischer Staat?
Das Fürstentum Arbër (Arbanon) mit Kruja als Zentrum. Der Archont Progon gründete es um 1190. Den Höhepunkt seiner Macht erreichte es unter seinem Sohn Dhimitër in den Jahren 1208–1216, bevor das Kaiserreich Nikaia es 1256–1257 eingliederte.
Woher kommt das Wort „Arbëria“?
So hieß das Land im Mittelalter, seine Bewohner nannte man Arbër. In den Quellen tauchen diese Namen seit dem 11. Jahrhundert auf. Auf dieselbe Wurzel gehen die Namen der albanischen Gemeinschaften in Italien und Griechenland zurück, die Arbëresh und die Arvaniten. Die heutige Selbstbezeichnung shqiptarë (Albaner) setzte sich erst später durch.
Was war das Königreich Albanien von 1272?
Ein Königreich unter Karl I. von Anjou, der am 21. Februar 1272 zum König von Albanien ausgerufen wurde. Grundlage war ein Vertrag mit dem albanischen Adel und den Bürgern von Durrës, das auch die Hauptstadt war. Das Königreich beschränkte sich im Wesentlichen auf die Küste.
Was geschah in der Schlacht von Savra?
Am 18. September 1385 besiegten die Osmanen bei Lushnja den Fürsten Balsha II., der in der Schlacht fiel. Gerufen hatte sie Karl Thopia, Balshas Rivale. Nach der Schlacht erkannten die meisten albanischen Herren den Sultan als Lehnsherrn an.
Was ist der älteste Text auf Albanisch?
Der älteste bekannte Text ist die Taufformel von 1462, verfasst vom Erzbischof von Durrës, Pal Engjëlli. Das erste gedruckte Buch ist Gjon Buzukus Meshari (Messbuch) von 1555.


